Normkontrolle

Testen - Normieren - Kontrollieren

Das Testen und Einsortieren von Menschen mit wissenschaftlichen Methoden unter homophoben, sexistischen und rassistischen Vorzeichen hat mehr denn je Konjunktur. Zwar werden die klassischen Messinstrumente Zirkel, Lineal und Co. heute durch genetische Untersuchungen verdrängt, aber die Ziele und das Menschenbild sind gleich geblieben. DNA-Analysen sind Teil von Bestrebungen, die letztlich darauf abzielen, das Gen-Material der gesamten Bevölkerung zu speichern und für unterschiedliche Zwecke zugänglich zu machen: für Überwachung und Ausbeutung. Lesben und Schwule gehören dabei nicht zufällig zu den bevorzugten Testobjekten.
Was die Überwachung betrifft, so lieferte die Talstraßen-Razzia in der Nacht vom 24. zum 25. Februar ein deutliches Beispiel. Zur Erinnerung: Die Polizei nahm Ermittlungen in einem Mordfall zum Anlass, "Wunderbar" und "Mystery Hall" zu filzen. Szenen aus vergangen geglaubten Zeiten spielten sich ab: Eine Hundertschaft kontrollierte sämtliche Personalien, hielt die Gäste hinter Absperrungen fest und nahm fast 200 Speichelproben zwecks DNA-Tests.
Der Besuch eines Schwulentreffs als Verdachtsmoment in einem Mordfall! Das ganze begleitet von homophober und denunziatorischer Berichterstattung der Hamburger Boulevard-Presse. Kritische und schwullesbische Presseorgane waren zum Spektakel nicht eingeladen worden. Kein Wunder, dass die rechten Medien dieser Stadt den Polizeisprecher Reinhard Fallak, bekannt für seine "unkonventionelle" Kooperationsbereitschaft, auch weiterhin als ihren Mann bei der Polizei haben wollen.
Die Razzia und die Speichelproben haben - wie auch ohne besondere kriminalistische Kenntnisse zu erwarten war - bisher nicht zur Ermittlung des Mörders vom Tim Smart geführt. Stattdessen wurde die schwule Subkultur nunmehr wieder als kriminelles Milieu präsentiert. Die Vorstellung eines "homosexuellen Milieus" - diesen Begriff benutzen Polizei und (Hetero-)Presse - entstammt dunkler deutscher Vergangenheit.
Die vermeintlichen Angehörigen dieses "Milieus" werden kriminalisiert, sie werden zum kollektiven Ermittlungsgegenstand. [Verbrechen gibt es laut dieser Milieu-Theorie auch im "Dealer-Milieu" oder im "Obdachlosen-Milieu", aber von "Manager-", "Banker-" oder "Finanzberater-Milieus", Berufsgruppen mit einer hohen Kriminalitätsziffer, haben wir noch nichts gehört, auch nicht von Morden, die einem "Hetero-Milieu" zugeordnet werden und die die Kriminalisierung aller heterosexuell lebenden Menschen nach sich ziehen.]

Diese Polizeiaktion hat eines deutlich gemacht: Das Konzept bürgerlicher Homo-Organisationen, die Staatsmacht durch Kooperation und Lobbyarbeit zur Schutzmacht für Schwule zu machen, trägt wenig verlockende Früchte. In Werner Hinzpeters Buch "Schöne schwule Welt" (1997) heißt es: "Tatsächlich können beide Seiten nur davon profitieren, wenn sie mehr voneinander wissen." Bravo! Jetzt kennt die Polizei immerhin schon mal genetische Daten von annähernd 200 Schwestern ... Mittlerweile nahmen PolitikerInnen spektakuläre Sexualmorde und ausgesetzte Neugeborene zum Vorwand, die genetische Durchleuchtung der gesamten Bevölkerung zu fordern.
So zeichnet die DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes (BKA) schon jetzt das Bild des "gefährlichen Gewohnheitsverbrechers" neu. Eigentlich für die Erfassung von TäterInnen, die schwer wiegende Verbrechen - wie etwa Mord - begangen haben, gedacht, hat das BKA - trotz des Protestes von Datenschutzbeauftragten - in zwei Jahren über 70.000 Datensätze von "Kleinkriminellen" gesammelt.
Gleichzeitig verfolgen WissenschaftlerInnen mit genetischen und fortpflanzungsmedizinischen Forschungen noch viel weitreichendere Ziele. So hat der Pharmakonzern Hoffmann-La Roche jüngst den Gen-Pool der gesamten isländischen Bevölkerung gekauft, viel Geld fließt in die "Entschlüsselung" des menschlichen Erbguts und in vorgeburtliche Diagnostik. Ein Großteil dieser Forschungen dient dem Ziel, den "gesunden", leistungs- und anpassungsfähigen schönen neuen Menschen zu schaffen bzw. Unerwünschte herauszufiltern - am liebsten schon vor der Geburt.
Normierung und Selektion von Menschen nach Hautfarbe, so genannter "Intelligenz", sexuellen Vorlieben und anderen Merkmalen funktioniert nicht nur durch Repression, sondern auch "freiwillig" nach den Gesetzen des Marktes. Bei kommerziellen Samenbanken etwa sind derlei Auswahlkriterien gang und gäbe, und allenthalben wird intensiv nach angeblichen Genen für "Behinderungen", Kriminalität und Homosexualität gefahndet, um sie ausschalten zu können.
Unabhängig davon, ob das funktioniert - in Wirklichkeit wird keine der so definierten Eigenschaften auf diese Weise beseitigt werden -, sind die Folgen gefährlich für die jeweiligen Betroffenen und schreiben Homophobie, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit etc. fest.

Daraus folgt:

Keine homophobe, rassistische, sexistische und sonstwie normierende Durchleuchtung - weder durch die Polizei noch durch WissenschaftlerInnen! Beide wollen angeblich nur das Beste - hauen wir ihnen auf die Finger! Auf dass die nächste Razzia ein nächstes Stonewall wird ...

Welche Rechte habe ich?

Gegenüber PolizistInnen brauchen nur Angaben zur Person gemacht zu werden (= die Infos, die auf dem Personalausweis stehen, mehr nicht).
Speichelproben müssen nur nach richterlicher (!) Anordnung bei einem begründeten Tatverdacht, nicht nach polizeilichem Verlangen abgegeben werden.
Aussagen müssen nur gegenüber einem Richter/einer Richterin gemacht werden.
Du darfst maximal bis zum Ende des nächsten Tages von der Polizei festgehalten werden.
PolizistInnen informieren oft nicht richtig über diese Rechte oder kennen sie selber nicht.

Ausführlicher ist das in dieser Rechtshilfe nachzulesen.
 
 

Kontakt zum Bündnis:  baustelle_hh@yahoo.de
 
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