CSD Prozess Erklaerung

"Anders rum ist richtig rum", lautete das Motto des diesjährigen offiziellen Christopher Street Days und wer sich auf diesem CSD "richtig" fühlen durfte, wurde bereits auf den ersten hundert Metern der Parade klar.
"Richtig" sollte folgendes sein: politisch aber bitte nur im Einklang mit diesem System, exzentrisch inszeniert auf der Parade und in der Werbung aber bitte nicht weiter störend im heterosexuellen Alltagsgeschehen, ausschweifend und ungezügelt aber bitte nur im kaufkräftigen Sinne.
Diese Organisation der CSD Parade und des Strassenfestes missachtet vollkommen den geschichtlichen Ursprung dieses Tages. Sie praktiziert mittlerweile selbst genau jene Politiken, die noch vor Jahren Zielscheibe der Kritik waren und für viele heute immer noch sind.

Christopher Street Day war und sollte sein, Ausdruck des Aufstandes und Kritik an einer Gesellschaft, die auf Hierarchisierung, Ausgrenzung und Ausbeutung basiert.
Am 27. Juni 1969 haben sich Transgender Personen, working class butches, SexworkerInnen und Transsexuelle gegen eine der zu dieser Zeit ständig stattfindenden polizeilichen Razzien eines ihrer Treffpunkte gewehrt, gegen polizeiliche Willkür und die andauernde Kriminalisierung ihres Lebensstils.
Der Christopher Street Day hat bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer eine grundlegende Kritik an dieser Gesellschaft beinhaltet. So war auch die les-bi-schwule-trans Bewegung Teil der zeitgleich stattfindenden linksradikalen politischen Kämpfe der 70er Jahre, wie denen der Black Panther, Frauen- und Studentenbewegung.

Vor diesem Hintergrund ist das Politikverständnis des CSD e.V. besonders erwähnenswert: Das politische Moment sollte Ortwin Runde als ehemaliger regierender Bürgermeister der SPD in den CSD tragen.
Das ist ehrlich und wahrhaft gesellschaftskritisch. Ein solches Politikverständnis ist pure Lobbypolitik, eine reine Anbiederung an die Normen der Gesellschaft und deren Spielregeln.
Und zwar indem einige Wenige durch einen persönlichen Zugewinn an Rechten integriert werden, auf Kosten der Ausgrenzung anderer. Nämlich derjenigen die eine viel grundlegendere Kritik haben und denjenigen, die sowieso nie integriert werden sollten.
Politische Integration wird durch die Konstruktion einer Gleichheit von Lesben und Schwulen angestrebt, die nie existiert hat und selbst wenn sie gewünscht wäre, im derzeitigen System auch nie erreicht werden würde.

Eine zum Fetisch erhobene Gleichheit die ihren Preis fordert. Unerwünschte Kritik wird zensiert und einfach platt gemacht.
So erschienen im Vorfeld, einige kritische Artikel gar nicht erst im offiziellen Begleitheft zum CSD.
Dann sollten während der Parade, diejenigen, die überhaupt politische Inhalte jenseits einer Bürgermeisterschau in den CSD tragen wollten, daran gehindert teilzunehmen. Erst durch selbsternannte Vollstrecker des Willens des CSD e.V., dann mit Polizeigewalt.
Die bestehende Heterogenität in der Szene wird komplett ausgeblendet, diejenigen, die sich nicht dem mainstream Lifestyle anschliessen wollen, sind -einfach ausgedrückt- unerwünscht. Das hat der Einsatz der Polizei auf dem diesjährigen CSD gezeigt, den die CSD Leitung selbst angeordnet hat.
Für mich ist das eine politische und repressive Antwort auf Kritik aus den eigenen Reihen und sollte politisch beantwortet werden.

Wenn die OrganisatorInnen des CSDs überhaupt ein politisches und geschichtliches Bewußtsein besitzen, wie konnten sie dann die Polizei rufen, die mit gezogenen Visieren und gezückten Schlagstöcken in die Parade gestürmt ist?
Der CSD war ehemals eine Antwort auf polizeiliche Willkür und polizeiliche Razzien. Das ist nicht Schnee von gestern: im März diesen Jahres gab es eine Razzia in der Wunderbar, einem nightclub für Schwule, um den Mörder eines Mannes zu finden, der sich angeblich in der Schwulenszene bewegte. Von allen Anwesenden wurden in der Nacht ohne rechtliche Aufklärung von Seiten der Polizei, Speichelproben entnommen, um auf dem Wege der DNA Analyse den Mörder zu finden. Wozu in der Vergangenheit das Sammeln bestimmter Informationen über Personen diente, brauche ich an dieser Stelle nicht zu erwähnen.
Als ob es nicht schon genug ist, dass diese polizeiliche Razzia ohne größeren Widerstand hingenommen wurde, gipfelt dieses Verständnis einer Zusammenarbeit mit dem Staat dann noch darin, dass die CSD Leitung höchstpersönlich die Polizei ruft, um Demonstrierende aus der Parade zu entfernen.

Wer fühlte sich dazu berufen, die Polizei in diese Parade einmarschieren zu lassen, nur weil sich Personen unangemeldet in diese politische Demonstration eingereiht haben?
Seit wann muss ich irgendjemanden um Erlaubnis fragen, um auf einer angeblich politischen Demonstration meine Kritik an diesen Herrschaftsverhältnissen zum Ausdruck zu bringen?
Wer soll dafür wann und von wem eine Legitimation erhalten haben?

Für die Lobby Schwulen und Lesben sollen sich Teilnehmende der CSD Parade nur noch als Laufreklame für bestimmte Produkte verstehen oder bereitwillig ihre Sexualität vermarkten lassen. Um so zumindest als Konsumenten, wenn schon nicht als reproduzierende Elemente, in dieser Gesellschaft Anerkennung zu erfahren oder so überhaupt beschränkt in ihr zugelassen zu werden.
Das Ja zur Konsumgesellschaft bedeutet im Rahmen dieser Verwertungslogik gleichzeitig die Eintrittskarte für diesen CSD zu erwerben.
Das ist ein bitterer Ausdruck der Ausverkauf der Szene an den Kommerz. Außerdem verspottet diese Praxis den geschichtlichen Ursprung dieses Tages.
Diejenigen, die die riots in der Christopher Street entfacht haben, kamen nämlich nicht aus der etablierten und privilegierten Mittelklasse sondern aus sozial ausgegrenzten und ärmeren Schichten der Bevölkerung.
Durch die Kommerzialisierung und derzeitige Praxis des CSDs werden aber noch weitere Ausschlüsse produziert.
Nicht nur, dass einige es sich einfach nicht leisten können, auf dem CSD mitzulaufen, ausgegrenzt werden auch alle, die nicht weiß und deutsch sind oder sich nicht in dieses System der Zweigeschlechtlichkeit einordnen wollen, wie Transgender Personen oder Intersexen.
Diejenigen, die sich dieser Logik widersetzen und thematisieren auf wessen Unsichtbarkeit diese Privilegien einer etablierten Schwulen- und Lesbenszene basieren, werden innerhalb der sogenannten Community kriminalisiert.

Im Gegensatz dazu bewegt sich queere Politik jenseits dieser für gesellschaftliche Akzeptanz buhlenden Minderheitenpolitik, die sich bürgerliche Rechte von einer Gesellschaft erhofft, die doch so absolut auf Ausschluß basiert, in dem einigen das Privileg eines Rechtes überhaupt zugestanden wird.
Einer Gesellschaft, die durch die Konstruktion des oder eines Anderen doch erst ihren rassistischen, sexistischen und ausbeuterischen Normalzustand zementiert. Anders ist bereits Zeugnis dafür, in der herrschenden Logik zu denken und richtig kann sich nur im Rahmen des Etablissements bewegen. In einem Rahmen, der für sich in Anspruch nimmt richtig zu sein, nur indem andere zu etwas Falschem gemacht werden, nicht weil sie falsch sind sondern weil sie als falsch bezeichnet werden müssen, damit es überhaupt ein richtig gibt.
Es geht nicht darum, um eine Akzeptanz als Lesbe, Transgender, Schwuler oder Intersex Person zu erkämpfen, sondern die Konstruktion und Produktion des Anderen grundsätzlich in Frage zu stellen, die die Legitimationsbasis für Ausgrenzungsmechanismen in dieser Gesellschaft ist.
Theodor W. Adorno bemerkte schon einmal an anderer Stelle "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen", deswegen gilt es nicht herauszufinden, was das Richtige ist sondern es gilt das Falsche zu thematisieren, zu kritisieren und anzugreifen.

Gesellschaftliche Zustände, die sich als normal und natürlich darstellen, wie Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Sexismus, Heteronormativität und natürlich Kapitalismus, der sich als die Endstufe der politischen Evolution des Menschen darstellt, müssen denaturalisiert, als pure Machtinstrumente entlarvt und aktiv im Sinne einer Veränderung angegangen werden.
Anti-normative und marginalisierte Lebensweisen sollten mehr Sichtbarkeit und Öffentlichkeit bekommen und damit gegen Leitkultur und vielfältige Normkontrollen protestieren. Statt einer Integration in diese kapitalistische Verwertungslogik sollte immer noch gelten: We are queer, we are here and we are not going shopping.
Linksradikale queere Politik sollte endlich zu einer Abschaffung der derzeitigen Herrschaftsverhältnisse beitragen.

Remember: stonewall was a riot And we are not going to deny it!!!!

Erklärung zum CSD - Prozess am 6-12 und 9-12-01

Nina Schulz

Erstveröffentlichung bei uturnqueer